Verschwörungstheorien

Ich habe ein großes Problem damit, wie mit dem Begriff Verschwörungstheoretiker und –theorie umgegangen wird, daher schreibe ich einige Zeilen dazu.

Die vielmals inflationär benutzten Begriffe „Verschwörungstheorie“ und „Verschwörungstheoretiker“ sind nicht frei von Wertung, ganz im Gegenteil, sie sind massiv aufgeladen mit objektivierenden bzw. subjektivierenden Zuschreibungen.
Diese Zuschreibungen folgen einer destruktiven Logik. Es wird versucht einem Autor jegliche Seriosität abzusprechen und sein Werk als außerhalb des darstellbaren, kulturell ausgehandelten Debattenraumes, zu positionieren.

Diese Ausgrenzung hat im Gegenzug für den ausführenden Akteur den Effekt, sich ohne Investition eigener Arbeit in eine überlegene Position zu bringen. Er erlangt Deutungshoheit durch Diffamierung. Die schnelle Rezeption durch heutige Technik erledigt das äußerst effektiv.

In der Markierung zum Verschwörungstheoretiker ist der Anspruch enthalten, dass man einer Seite ungeprüft mehr glauben sollte als der anderen. Dies ist zuvorderst unfair und interessegeleitet.

Aus diesem Vorgang entwachsen ernste Folgeschäden für die Generierung von Wissen.

Die betroffene Seite wird sich durch Rechtfertigungszwänge möglicherweise radikalisieren oder aber zumindest sehr viele Ressourcen in eine Gegendarstellung stecken müssen. Die ausführende Seite wird ebenfalls geschädigt indem in ihr ein subjektives Gefühl zum Wissensmonopol aufgestiegen zu sein erwächst.

Stichhaltige Argumente, scharfe Theoriebildung und Austausch nehmen ab, die Debatte wird moralisiert oder erliegt.
Dass dies als Macht-Instrument gerne und dauerhaft genutzt wird, erläutere ich hier nicht näher, sollte aber mitgedacht werden.

Aus den oben genannten Gründen rate ich persönlich von der Verwendung der Begriffe ab.

– David Claudio Siber –

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Jochen Koller
Jochen Koller
5. Dezember 2020 19:42

Ich finde diese Deutung hervorragend, vielen Dank.

Katherine Dunning
Katherine Dunning
6. Januar 2021 18:48
Reply to  Jochen Koller

es geht doch, wenn ich das richtig sehe, um den Anspruch auf Deutungshohheit – und die politisch-psycholog Instrumentalisierung best Begriffe, die ursprüngl einem völlig anderen histor Kontext entspringen – unter anderem dazu dienen sich abzugrenzen/ Feindbilder zu konstruieren u verfestigen. Schon aus diesem Grunde lehne ich den Gebrauch fast aller in Zusammenhang m d Co-Krise durch die Medien verbreiteten Begriffe wie VT, Co-Leugner, Maskenverweigerer usw ab – da die darin liegende Wertung eine ergebnisoffene Auseinanadersetzung fast ausschließt..

Thomas Völcker
Thomas Völcker
12. Januar 2021 11:05

Bleibt noch zu ergänzen, dass der Begriff aus der Kriminalistk kommt. Bei der Suche nach einem Motiv für ein Verbrechen muss immer auch die Absprache mehrerer Täter, also die Verschwörung, mitgedacht werden. Verschwörungstheorien werden daher überall dort absichtlich oder unabsichtlich provoziert, wo die Motivation für ein bestimmtes Handeln nicht offengelegt und nachvollziehbar erklärt wird.

Frank Grabitz
Frank Grabitz
17. April 2021 18:29

Den Begriff Verschwörungstheoretiker mag ich auch nicht und verwende ihn nicht. Für mich ist eine Verschwörung, wenn sich mind. zwei zusammentun um einem Dritten zu schaden. Ansonsten ist das Spekulation, oder sich Gedanken machen was könnte sein …
Der Verwendung des Begriffes Verschwörungstheoretiker wurde 1967 als Anweisung von der CIA unter der Nr. xxxx (hab ich jetzt nicht parat) an alle Unterstellen verteilt und zwar sollten alle Skeptiker der Warren Kommission die den Kennedy Mord untersuchte damit diskreditiert werden. Seitdem wird der Begriff immer inflationärer verwendet, ohne inneren Bezug, rein als Diskreditierung – so wie er gedacht war.

Frank Grabitz
Frank Grabitz
17. April 2021 18:46

Ergänzung
(bzgl. Kennedy Mord) Die Abteilung PW/CS („Psychological Warfare/Clandestine Services“) der CIA versandte im April 1967 ihr Dokument 1035-960 an alle Stationen und empfahl zur Diskreditierung von Zweiflern, den Begriff “Verschwörungstheoretiker” zu verwenden.
https://www.westendverlag.de/kommentare/jfk-und-die-erfindung-des-kampfbegriffs-verschwoerungstheorie/