Kollateralschäden, Verantwortung und Geschichte

verfasst von Team DCS.

Die UNO schätzt, dass infolge der Corona-Maßnahmen bis zu 1,6 Milliarden Menschen in ihrer Lebensgrundlage gefährdet sind. [1] Ein Wissenschaftler der WHO, Dr. David Nabarro, warnt in diesem Zusammenhang davor, dass sich das Ausmaß der Armut und Unterernährung von Kindern in der Welt bis zum nächsten Jahr verdoppeln werde. Lockdowns würden „arme Menschen um ein Vielfaches ärmer“ machen. [2]Auf die Welle an Hunger, Tod und Elend, verursacht u.a. durch nicht mehr erfolgte Malariavorsorge und durch geschlossene Schulen auf dem afrikanischen Kontinent, hat jüngst der Biologe und Sachbuchautor Clemens Arvay hingewiesen. [3] Als einen „Krieg der Reichen gegen die Armen“ [4] hatte ehedem der Soziologe Jean Ziegler das Verhältnis der Industrieländer zu den armen Ländern der Welt bezeichnet. Wenn wir das weltweite, durch die Panik verursachte Leid abzuschätzen versuchen, könnten wir zu dem Schluss kommen, dass solch ein Krieg nun um ein Vielfaches intensiviert und auf die Spitze getrieben wird.

Armut und Unterernährung in der sogenannten „Dritten Welt“ verdoppeln, um eine Krankheit vor allem in der „Ersten Welt“ zu bekämpfen? Eine Krankheit, die inzwischen von renommierten Wissenschaftler*innen in ihren gesundheitlichen Folgen im Rahmen einer saisonalen Grippe eingeordnet wird? [5] Der Medizin-Anthropologe Carlo Caduff vom King‘s College London appelliert vor dem Hintergrund der Kollateralschäden in den armen Ländern an alle Verantwortlichen: „Wir müssen unseren Blick dringend jenseits des Virus richten, wenn wir die wirkliche Schwere dessen begreifen wollen, was heute passiert“. [6] Ganz abgesehen von den weltweiten Einschränkungen der Menschenrechte, nimmt die Politik mit ihren schädlichen Maßnahmen nicht nur in den Industrieländern, sondern vor allem in den armen Ländern ein hohes Maß an kollateralen Todesopfern billigend in Kauf; in einem Ausmaß an Opfern, das dem eines Krieges, um genau zu sein, eines Weltkrieges entspricht. Der „Krieg gegen Viren“, von dem Emmanuel Macron sehr früh sprach, [7] kann in anderer Hinsicht auch als „Weltkrieg gegen die Armen“ bezeichnet werden.

Wer könnte nun für diesen „Weltkrieg gegen die Armen“ verantwortlich sein? Vor der Corona-Krise haben Kritiker*innen des Neoliberalismus eine solche Frage noch eindeutig mit der Politik der reichen Länder beantwortet. Doch selbst Jean Ziegler und weitere überragende Intellektuelle unserer Zeit, wie der Linguist Noam Chomsky [8] oder die Philosophin Judith Butler, [9] haben keine eindeutig politischen Antworten mehr, weil sie die Corona-Krise immer noch zuallererst als eine Naturkatastrophe verstehen. Sie folgen darin dem Narrativ von Christian Drosten, dem Laborwissenschaftler aus Berlin, der im Januar 2020 einen SARS CoV-2-sensitiven PCR-Test konzipierte (von dem es mittlerweile Hunderte Varianten weiterer Hersteller gibt). Der Test kann aber, wie der Nobelpreisträger und Erfinder des PCR-Verfahrens Kary Mullis erklärt, keinesfalls eine Krankheit oder eine aktive Infektion, sondern nur Genabschnitte, auch vermehrungsunfähige Virentrümmer und „in jedem Menschen fast alles“ nachweisen. [10] Auch wenn die WHO den ersten Corona-PCR-Test unter fragwürdigen Umständen sehr schnell freigegeben hat, ist er bis heute weder amtlich validiert noch für diagnostische Zwecke zugelassen. [11] Trotzdem bilden PCR-Tests die Grundlage für die weltweiten Anti-Corona-Maßnahmen mit all ihren Folgen, insbesondere die humanitäre Katastrophe der Lockdowns.

Könnte angesichts der Rolle, die dieser Test spielt, auch bei seinen Erfindern und Vertreibern ein Teil der Verantwortung dafür liegen, dass die Welt heute einen, gemessen an seinen menschlichen „Kollateralschäden“, verheerenden Krieg um ein saisonales Corona-Virus führt?  Da Corona-Viren ebenso wie Grippe-Viren ständig mutieren, ist davon auszugehen, dass dieser Kampf gegen das Virus endlos ist und selbst mit einer Impfung nie gewonnen werden kann. [12]  Der Erfinder des ersten Tests, Christian Drosten, wird in der Öffentlichkeit zwar zu seinen Vorschlägen für zum Teil weitreichende  Maßnahmen gehört; allerdings wäre ihm auch die Frage einer möglichen moralischen oder gar juristischen Verantwortung für die mit seinem Test begründeten Maßnahmen und deren Kollateralschäden zu stellen. Letzteres wird bereits von Anwälten geprüft. [13] Wenn Verantwortung die realen Folgen des eigenen Handelns immer mitbedenken muss, dann müssen Kollateralschäden zwingend berücksichtigt werden.

In der Frage nach Verantwortung können wir aber auch den Ursprungsort des PCR-Tests miteinbeziehen. Zwar ist sehr wahrscheinlich, dass über kurz oder lang wohl ein Wissenschaftler aus einem anderen Land den ersten Test konzipiert hätte, wenn es nicht in Berlin geschehen wäre. Es steht sogar zu vermuten, dass das Testprotokoll von chinesischen Wissenschaftler*innen, das am 24. Januar 2020 in der angesehenen Zeitschrift New England Journal of Medicine erschienen ist, bereits vor Drostens Test zur Verfügung stand. [14] Warum Drostens Test dennoch als erster von der WHO angenommen wurde, kann hier nicht beantwortet werden. Aber es wirft, jenseits der individuellen Verantwortung eines Wissenschaftlers, die Frage auf, ob hier auch eine nationale und historische Dimension der Verantwortung zu berücksichtigen wäre? Insbesondere, wenn wir feststellen, dass ein Deutscher der Erste war, der mit seinem Test die Grundlage für den gegenwärtigen „Krieg gegen Viren“ bereitstellte, für einen Krieg, der in seinen Folgen auch als ein „Krieg der Reichen gegen die Armen“ zu bezeichnen ist?

Wenngleich die Bedeutung des Verantwortungsbegriffs vielschichtig ist und seit langem kontrovers diskutiert wird, scheint die Mehrheit der Historiker*innen darin übereinzustimmen, dass Deutschland aufgrund seiner jüngsten Geschichte eine besondere „historische Verantwortung“ zukommt, Krieg abzulehnen und abzuwenden. [15] Zwei Weltkriege gingen im zwanzigsten Jahrhundert von deutschem Boden aus, von einem Land, in dem jeweils wirtschaftliche Verhältnisse und skrupellose Politiker die Schritte in die Katastrophe so sehr begünstigten, dass sie dann von Vielen mitgegangen und vorangetrieben wurden. Aus dieser Erkenntnis ziehen manche Historiker*innen für nachfolgende Generationen die Schlussfolgerung einer Verantwortungsethik, die sich nicht nur rückblickend, sondern auch gegenwartsbezogen und prospektiv der Verhinderung von Krieg und menschlichem Leid verpflichtet sieht. Auf nationaler Ebene sind hier das Kollektiv oder die Institutionen gefragt, aber solch eine Ethik muss, wie der Historiker Ludger Heidbrink in anderem Zusammenhang schreibt, immer auch von Individuen getragen werden: „Ohne eine persönliche Verantwortung, die sich gegebenenfalls der politisch oder institutionell sanktionierten Rechtsordnung widersetzt, ist ein moralisches Eintreten für begangene oder voraussehbare  Handlungsfehler nicht  realisierbar.“ [16] 

In Deutschland gehen Woche für Woche Tausende und Hunderttausende von Menschen auf die Straße,um sich gegen die Corona-Maßnahmen und für Aufklärung und die Einbeziehung vielfältiger medizinisch-wissenschaftlicher Positionen auszusprechen. Hier ist den oben genannten Kritiker*innen zuzustimmen, welche ihre Hoffnung auf Eindämmung des Neoliberalismus in die Proteste und die Vernetzung der weltweiten Zivilgesellschaft setzen. [17] Auch in Spanien, Italien, England und anderen Ländern formiert sich Protest gegen die Corona-Maßnahmen auf der Straße und im Netz. Kritische Mediziner*innen, Jurist*innen und weitere gesellschaftliche und Berufsgruppen vernetzen sich weltweit, zuletzt unter anderem mit der Great Barrington Declaration, einer internationalen Petition hochangesehener Wissenschaftler*innen, die sich mit Nachdruck gegen die Maßnahmen ausspricht und bereits von Zehntausenden in der Medizin forschenden und praktizierenden Personen unterschrieben wurde. [18]

Die Menschen, die heute in aktiver oder subtiler Form Zweifel an der Corona-Politik anmelden, könnten, wie Milosz Matuschek vermutete,  eines Tages Recht gehabt haben. [19] Verantwortungsvolle Mediziner*innen mahnen schon heute an: dass unter Federführung der Johns Hopkins Universität in verhängnisvoller Weise [20] aus einer Krankheit, die in ihren Symptomen und ihrer Gefährlichkeit der Grippe vergleichbar ist, eine ‚Pandemie‘ gemacht wurde, die den umfassendsten Entdemokratisierungsschub seit dem Zweiten Weltkrieg einleitete. Wir wissen bereits, dass gleichzeitig und damit zusammenhängend sich der Zuwachs an Macht und Reichtum einer Handvoll Menschen in ungekanntem Maß beschleunigte und die weltweite Umverteilung von Reichtum und Ressourcen von unten nach oben einen massiven Schub erhielt.

Wenn Menschen weltweit gegen die Corona-Maßnahmen auf die Straße gehen, dann wehren sie sich direkt oder indirekt auch gegen all diese Entwicklungen, deren Kollateralschäden die wahrscheinlich schwerste humanitäre Krise seit dem Zweiten Weltkrieg auslösen. Wenn Menschen in Deutschland das tun, dann gehen sie auch in eine Art „stellvertretende Verantwortung“ [21] dafür, dass der erste von der WHO freigegebene PCR-Test und damit die technische Grundlage für die weltweiten Anti-Corona-Feldzüge zuerst in Deutschland geschaffen wurde.


[1] https://de.reuters.com/article/virus-un-armut-idDEKCN22B23K

[2] https://www.meinbezirk.at/niederoesterreich/c-regionauten-community/who-aendert-haltung-zu-lockdowns-und-spricht-sich-nun-dagegen-aus_a4288455

[3] Clemens G. Arvay (2020): Wir können es besser. Wie Umweltzerstörung die Corona-Pandemie auslöste und warum ökologische Medizin unsere Rettung ist. Quadriga.

[4] https://www.fr.de/kultur/eine-kannibalische-weltordnung-12187689.html

[5] Ioannidis, John (2020): The infection fatality rate of COVID-19 inferred from seroprevalence data (https://www.who.int/bulletin/online_first/BLT.20.265892.pdf); Reiss, Karina und Sucharit Bhakdi (2020): Corona Fehlalarm? Zahlen, Daten, Hintergründe. Goldegg, S. 34; vgl. auch https://www.berliner-zeitung.de/news/keine-uebersterblichkeit-trotz-corona-amtsarzt-fordert-diskussion-ueber-die-mittel-der-pandemie-bekaempfung-li.108672; zahlreiche Artikel auf https://www.wodarg.com/.

     [6] Carlo Caduff (2020): „What Went Wrong. Corona and the World after the Full Stop”, Medical Anthropology Quarterly (https://anthrosource.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/maq.12599)

      [7] Michael Sommer (2020): Diesen „Krieg“ gewinnen wir nur als Bürger, nicht als Soldaten.  https://www.cicero.de/kultur/kampf-coronavirus-kriegsrhetorik-krieger-buerger-tugend/plus

[8] Noam Chomsky (2020) https://kontrast.at/noam-chomsky-corona-virus-usa/

[9] Judith Butler (2020a)  https://youtu.be/6K-rYp4mqsw; Judith Butler (2020b)             https://www.youtube.com/watch?v=6Bnj7H7M_Ek&feature=youtu.be

     [10] Die PCR-Test-Positiven: Sind sie wirklich infiziert? https://www.aerzteblatt.de/forum/137982; https://www.facebook.com/nico.davinci.56/videos/1749227998568399/

     [11] https://corona-ausschuss.de/wp-content/uploads/2020/09/Kurzbericht_Corona-Ausschuss_14-09-2020-1-4.pdf, S.7-8.

     [12] So auch die Einschätzung des Virologen Hendrik Streeck. https://www.merkur.de/politik/coronavirus-markus-lanz-hendrik-streeck-zdf-talk-tv-virologe-muenchen-infizierte-massnahmen-zr-90059353.html

     [13]  https://www.corona-schadensersatzklage.de/

     [14] Na Zhu et al. (2020): A Novel Corona Virus from Patients with Pneumonia in China, 2019. NEJM 2020.382: 727-22. Vgl. Ulrike Kämmerer in:  https://www.youtube.com/watch?v=OixLI-IuJvY&feature=youtu.be (4:25).

     [15] Arthur Assis (2006): Was heißt historische Verantwortung? https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1133; siehe auch den Überblicksartikel von Rolf Zimmermann (2016): „Historische Verantwortung“.

      [16] Siehe die Diskussion von Ludger Heidbrink (2019): „Zum Problem der historischen Verantwortung“, https://philosophisches-jahrbuch.de/wp-content/uploads/2019/03/PJ103_S225-247_Heidbrink_Zum-Problem-historischer-Verantwortung.pdf  

[17] Jean Ziegler (2019): Was ist so schlimm am Kapitalismus? Antworten auf die Fragen  meiner Enkelin. C.Bertelsmann.

[18]  https://www.ärzte-für-aufklärung.de/; https://www.mwgfd.de/; https://elternstehenauf.de/; https://corona-ausschuss.de/sitzungen/; https://gbdeclaration.org/; https://youtu.be/dVZQCsvPvsM; https://klagepaten.eu/

     [19] https://www.nzz.ch/meinung/kollabierte-kommunikation-was-wenn-am-ende-die-covidioten-recht-haben-ld.1574096?reduced=true

     [20] https://www.centerforhealthsecurity.org/event201/recommendations.html. In diesem von  der JHU, World Economic Forum und Bill and Melinda Gates Foundation getragenen und gesponserten Plan zur “pandemischen Vorbereitung” (2018) heißt es, dass sowohl Regierungen als auch der Privatsektor stärkere Methoden zur Bekämpfung von „mis- and disinformation“ einsetzen sollten: “This will require developing the ability to flood media with fast, accurate, and consistent information. (…) For their part, media companies should commit to ensuring that authoritative messages are prioritized and that false messages are suppressed including though the use of technology.” Die entscheidenden Fragen sind hier, wer darüber entscheidet, was ‚richtige‘ Botschaften sind, mit denen die Öffentlichkeit ‚überflutet‘ wird, und welches ‘falsche’ Botschaften sind – und vor allem, wer deren Unterdrückung finanziert.

[21] Dieser Begriff wird im oben zitierten Aufsatz über das Verhältnis von Geschichte und Verantwortung in der Moderne von Ludger Heidbrink (2019) vorgeschlagen und diskutiert.

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Jochen Koller
Jochen Koller
5. Dezember 2020 19:49

Toller Artikel, der endlich mal über Deutschland hinausdenkt